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Christopher Dale und Harry Stephen

 

Am Donnerstag den 24. November 2010 fand mein erster Ultraschall statt. Lee (mein Partner) und ich gingen in den Untersuchungsraum und ich legte mich auf die Liege. Ich war so nervös. Da meine Freundin vor kurzem eine Fehlgeburt hatte, war ich mir darüber bewusst, dass es jedem passieren konnte.

Viele haben uns gefoppt, „was, wenn es zwei sind!“ – natürlich haben wir sie nicht ernst genommen.

Ich war so aufgeregt als die Ärztin das warme Gel auf meinem Bauch verrieb und den Ultraschallkopf auf mich legte. Addiere nochmal hundert weitere Emotionen dazu, als sie sagte: „Ich habe eine Überraschung für Sie. Da sind zwei drin!“ „Was!“ „Ja“, sie zeigte uns den Monitor „zwei Herzschläge… einer ist ein wenig kleiner, aber wir werden das beobachten. Sie sind eineiig.“

Ich stand unter totalem Schock! Tränen liefen mir die Wangen runter, als ich Lee ansah und er über beide Backen grinste.

Ein weiterer Ultraschall war für Dienstag den 21. Dezember vereinbart. Wir verließen die Praxis begeistert – ich mit Tränen in den Augen und Lee lachend.

Als nächstes stand jedoch das Gespräch mit unseren Eltern an. Ich war gerade mal 17 und Lee 18.

Meine Mutter war zuerst nicht gerade erfreut über die Neuigkeiten, freute sich aber später. Lee’s Eltern wünschten ihm „Viel Glück“ und das war alles was wir von ihnen zu hören bekamen.

Am Dienstag den 21. Dezember hatte ich um 8 Uhr morgens einen Termin für eine Grippeschutzimpfung vereinbart. Es wurde ein langer Tag, nachdem wir schon um 6 Uhr von einem Feueralarm geweckt wurden. Nach meiner Impfung gingen wir ins Krankenhaus. Wir waren ganz aufgeregt unsere Wonneproppen wiederzusehen!

Wir gingen hinein und es wurde ein Ultraschall gemacht. „Zwei Herzschläge!“ sagte sie. Hervorragend.
 Aber sie schaute eine ganze Weile auf den Monitor. Ich wurde unruhig und schaute zu Lee rüber. Sie drehte sich zu uns um: „Zwilling 2 hat Anenzephalie, das bedeutet dass das Baby nicht überleben wird. Es tut mir so leid. Ich rufe sofort Ihren Arzt an.“


Zwilling 2 hatte zudem einen Wachstumsverzug, aber Zwilling 1 war perfekt und seine Entwicklung passte zu den Daten.

Dieses Mal waren die Tränen für hundert unterschiedliche Emotionen. Ich weinte, und weinte. Wir wurden in einen anderen Raum gebracht und warteten dort zwanzig Minuten auf den Arzt. Es fühlte sich wie 20 Jahre an.

Der Arzt kam zu uns und erklärte, dass Anenzephalie ein Neuralrohrdefekt ist. Wenn das Neuralrohr sich nicht ganz schließt, führt dies zum Fehlen eines großen Teils des Gehirns und Schädels. Es ist nicht mit dem Leben vereinbar.

"Sie haben verschiedene Optionen. Alle bringen Risiken mit sich. Sie können einen selektiven Abbruch vornehmen lassen. Allerdings kann dies das Leben von Zwilling 1 gefährden. Oder sie können einen kompletten Abbruch machen lassen. Oder sie können die Babys austragen, mit dem Risiko, dass Zwilling 2 im Mutterleib stirbt, was einen sofortigen Effekt auf den anderen Zwilling haben würde. Dies könnte das Gehirn schaden oder dazu führen, dass auch Zwilling 1 stirbt. Es gibt auch das Risiko, dass das Baby still geboren wird.“

Ohne zu zögern sagten wir beide, dass wir die Schwangerschaft fortsetzen möchten. Der Arzt seufzte erleichtert, ab dem Punkt hatte ich großes Vertrauen in meinen Arzt. Er sagte uns, dass sich nicht viele Leute in einem solchen Fall für ihre Babys entscheiden würden und viele eine Abtreibung machen lassen würden. Er bat uns später noch mal wieder zu kommen, um unsere Entscheidung zu bestätigen. Da ich später sowieso noch mal einen Termin bei ihm hatte, taten wir dies.

Ich flog nach Kendal zu meiner Tante über Heiligabend. Da der Arzt uns davor warnte, schaute ich nicht gleich im Internet nach Informationen zu Anenzephalie. Er meinte es gäbe zu viele falsche Informationen wenn man auf Google danach suchte.

Ich lernte unser Schicksal zu akzeptieren. Frag’ mich nicht wie, ich weiß es nicht.

Die Nacht bevor ich zurück flog, spürte ich den ersten Tritt in meinem Bauch. Als ich zurück kam, war auch meine Mutter wieder da. Sie war mit meinem Vater und kleinen Bruder für drei Wochen in Australien, weshalb ich ihr am Telefon von unserer Situation berichtet hatte.

Jetzt war sie zurück und wir suchten im Internet zusammen nach Informationen. So fanden wir die anencephaly.info Webseite. Ich schaute mir alle Informationen und auch die Bilder an. Ich war zuerst sehr geschockt, aber es dauerte nicht lange bis ich die Schönheit die in den Gesichtern der Babys lag zu verstehen lernte. Sie waren unglaublich.

Ein Kaiserschnitt war für die 34 SSW geplant, aber ich hatte schon in der 32 SSW +2 Tage (Samstags) Wehen. Sie konnten die Wehen durch einen Tropf stoppen und gaben wir zwei Mal Cortisonspritzen um die Lungen der beiden zu reifen. Nichts passierte bis Montag, als sie mich vom Tropf nahmen und einen Ultraschall machten.

Christopher bewegte sich nicht viel, weshalb der Arzt mich bat meine Familie anzurufen. Die Zwillinge sollten am Abend geholt werden. Auf Grund der besonderen Umstände – normalerweise darf nur eine Begleitperson mit in den OP – durften meine Mutter und Lee mit rein kommen.

Harry Stephen kam schreiend um 21:11 Uhr per Kaiserschnitt auf die Welt. Er wog 1715 g. Zwei Minuten später, um 21:13 Uhr, wurde sein Bruder Christopher Dale mit 793 g geboren.

Ich hatte 37 Minuten mit Christopher, während sein Bruder direkt auf die Intensivstation gebracht wurde. Christopher quietschte ein paar Mal, was meine Mutter hörte, und wurde kurz bevor er um 21:50 Uhr in meinen Armen starb, getauft. Eine Woche später hielten wir eine Beerdigung für ihn ab, um sein kurzes Leben zu feiern.

Wir hatten den bestdenkbaren Ausgang unserer Situation und ich bin sehr froh, dass ich mich nicht für eine Abtreibung entschieden habe.

Ich hatte jede Woche einen Termin für den Ultraschall bei meinem Arzt und im Liverpool Frauen Krankenhaus, weil sie dachten es bestünde ein Zwillingstransfusionssyndrom. Deshalb wollten sie mich engmaschig kontrollieren, aber es stellte sich heraus, dass dies nicht der Fall war.

Die Erlebnisberichte auf der anencephaly.info Webseite gaben mir sehr viel Trost. Auch durch Yahoo Seiten und durch Facebook lernte ich eine Menge Leute in der gleichen Situation kennen. Wir teilten unsere Geschichten und Bilder. Dies gab mir Hoffnung und bestätigte was ich bereits wusste: Christopher's Leben, obwohl nur so kurz, war die Schmerzen wert.

Ich werde für immer Schmerzen haben. Aber die schlechten Tage werden weniger und ich werde Frieden finden.

Harry ist mein Grund zu leben, es ist mein ganzer Fokus ihn blühen zu sehen. Er war nur dreieinhalb Wochen auf der Frühchenstation und ist perfekt; jetzt ist er schon ein großer Brocken. Ich könnte mir mein Leben nicht ohne ihn vorstellen und ich weiß, dass Christopher durch Harry weiter lebt.

Ich bin gesegnet. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört und es war die richtige Entscheidung. Wir hatten ein gutes Ende und Harry und Christopher's Fall wird nun genutzt, um an anderen Krankenhäusern zu lehren wie sie mit so einer Situation umgehen können.

Christopher hatte einen Sinn im Leben, er wird so viele andere Leben retten!

Lucy

 

 

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 08.04.2013