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Elias

4.3.1990

Im Frühjahr diesen Jahres, kurz vor ihrem 12. Geburtstag, meinte unsere Tochter Raphaela: "Ich habe einen Geburtstagswunsch, den ihr mir sowieso nicht erfüllen könnt. Ein Foto von Elias."

Wir haben leider keine Fotos, auch keinen Fuss- oder Handabdruck von unserem Kind. Nichts. Nur ein Grab. Und wir tragen die Erinnerung in unserem Herzen. Die beiden nach ihm geborenen Geschwister werden hineingenommen in Gespräche über den "grossen" Bruder und es ist ihnen wichtig, von ihm zu wissen. Gideon, der Erstklässler, erzählt seinen Lehrern vom Bruder, der als Baby gestorben ist. Fragen nach Tod und Gott beschäftigen die dreijährige Jordana. Neulich beim Grabschmücken stellte sie fest: "Manche Leute sagen, er ist bei Gott. Aber er ist im Grab. Stimmt das?"

Bei uns als Eltern ist durch den Kontakt mit Jaquiers in deren Schwangerschaft mit Anouk vieles an Erinnerungen wach geworden, und wir redeten viel miteinander darüber. Schmerz kam hoch, Enttäuschung und auch Dankbarkeit, dass wir uns damals so entschieden haben. Damals...

Im Juni 1989 arbeitete mein Mann Friedhelm bei den Bausoldaten (es gab noch keine Zivildienstalternative zu DDR-Zeiten). Rahel war gerade 3 Jahre, Raphaela ein Jahr alt und ich schwanger. Im evangelischen Diakonissenkrankenhaus in Dresden zeigte mir der Arzt unser Baby auf dem Ultraschallmonitor. Nachher traf ich draussen einen jungen Mann, der zu einer Veranstaltung über den Paragraphen 128 einlud. Ich weiss noch, wie ich ihm vom Ultraschall meines Zweimonatebabys erzählte, wie es gestrampelt hat. Abtreibung eines fertigen Babys? Unvorstellbar!

Ende August war Routineuntersuchung in der Beratungsstelle der Kreisstadt angesagt. Ausserdem sollte ein neuer Bluttest in der 15. Schwangerschaftswoche Aufschluss über mögliche Behinderungen geben. Als ich im Warteraum sass und wartete, strampelte das Baby zum ersten Mal für mich spürbar. Ich strich über meinen Bauch und dachte: "Egal was mit dir ist, du bist mein Baby". Den Bluttest liess ich nicht machen.

Ende September, in der 20. Schwangerschaftswoche, hatte ich wieder einen Ulltraschalltermin in Dresden. Die beiden Mädchen waren bei Freunden und eigentlich wollte meine Mutter mal mit schauen kommen, Irgendwas kam dazwischen. Ja, da guckte der Arzt und meinte nach einer Weile, dass er den Kopf nicht richtig erkennen und ausmessen könne, er wäre wohl zu weit unten, wir müssten dann mal an ein anderes Gerät gehen. Also sass ich gelassen mit einem Buch im Gang und hoffte nur, dass das Warten nicht zu lange dauert. Die Situation die dann kam, kann sicher so ähnlich jede Mutter beschreiben, die diese Anenzephalusdiagnose zu hören bekam : Es ist wie ein Schock, ungläubiges Erstaunen über solch noch nie gehörte Krankheit, riesengrosse Fragezeichen vor Augen, Tränen in den Augen. Die Gedanken und Gefühle befinden sich auf Karusselfahrt. Keine Lebensfähigkeit nach der Geburt, nach dem Durchtrennen der Nabelschnur? Warum dann nicht gleich?... Irrtum ausgeschlossen? Ein zweiter herbeigeholter Arzt bestätigte die Diagnose.

Der grosse Vorteil für mich war die Haltung und Einstellung der Ärzte! Ich könne das Baby ganz normal bis zum Ende austragen. Es gibt die Möglichkeit, bei einem Ärztegremium meiner Heimatkreisstadt eine Abtreibung nach medizin. Indikation zu beantragen. Aber ich könne selbstverständlich zur Geburt hierher kommen. Das Baby bekommt dann eine Geburtsurkunde mit seinem Namen und eine Sterbeurkunde.

Zurückgekehrt ins reguläre Sprechzimmer gab mir mein Arzt noch einen für mich wertvollen Gedanken mit: "Gott will keine kranken Kinder. Aber wir leben in einer gefallenen Welt, in der solche Dinge passieren." Die Sprechstundenschwester drängte, draussen warteten viele Frauen. Also nochmals eine nur kurze Erklärung: "Das Atemzentrum ist nicht angelegt, weil ein Teil vom Grosshirn fehlt. Es gibt wirklich keine Überlebenschance nach der Entbindung. Eventuell wird es eine Kaiserschnittgeburt, weil diese Kinder meist nicht spontan geboren werden."...

Irgendwie musste ich nun den Friedhelm-Papa benachrichtigen und in der Kaserne anrufen. Er konnte es einfach nicht glauben. Es war für ihn überhaupt nicht vorstellbar und ich hatte den Eindruck, dass er MIR nicht glaubte. Dies war eine eigenartige Frustsituation am Telefon.

Wie ich dann die 50 Kilometer nach Hause gefahren bin, weiss ich nicht. Die Schleusen öffneten sich, ich heulte, schrie und zitterte, war erschüttert bis ins Innerste, bis in die Grundfesten meiner Selbst.

Wie soll ich mich entscheiden ?

Was soll ich tun ?

Zuerst Rahel und Raphaela abholen. An die Reaktion meiner Freunde kann ich mich nicht mehr erinnern. Bernd brachte den ärztlichen Urlaubsantrag zum Wehrkreiskommando, damit Friedhelm heimkommen kann. Er kam am übernächsten Tag! Wir heulten erst mal gemeinsam. Und dann? Ja, dann. Ich, die stets gegen Abtreibungen eingetreten bin, plädierte aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit dafür. Friedhelm war ganz anderer Meinung. Ich verstand im Moment sowieso alles nicht, und akzeptierte sein Nein zur Abtreibung, bzw. sein Ja zu unserem kranken Baby.

In der DDR gab es Umwälzungen. Das ganze Land wurde erschüttert und sprengte schliesslich seine Grenzen, im Herbst 1989. Ich war so mit mir beschäftigt, dass das politische Geschehen für mich nur am Rande ablief.

Nach und nach bekam ich wieder ein Ja zu unserem Kind. Es lebt, es geht ihm gut bei mir im Bauch. Ich habe kein Recht über Leben und Tod zu entscheiden. Und trotzdem war alles so aussichtslos und ohne Hoffnung. Friedhelm hatte den Gedanken, um Heilung zu beten. Wenn Gott der Schöpfer des Universums ist, dann dürfte es für ihn kein Problem sein, unser Kind zu heilen. Also gingen wir auf Suche nach Hilfe, nach geistlicher Unterstützung für diese Schwangerschaft. In unserer früheren Heimatkirchgemeinde betete der Jugendkreis für uns und segnete uns. In der Gegend, in der wir jetzt wohnen, besuchten wir verschiedene Gemeinden. Im Dezember gab es in einem Gottesdienst eine Frage nach Gebetsanliegen. Ich erzählte von unserer Situation. Ab diesem Sonntag wurde da jede Woche für uns gebetet, um Heilung.

Und dies ist das negative Kapitel: Wir dachten, glauben zu müssen, dass Gott das Baby heilt und liessen keinen anderen Gedanken zu. Wir erzählten nur Freunden und Bekannten, die vielleicht "mitglauben" würden, von unserer aussergewöhnlichen Schwangerschaft. Ich bereitete den Stubenwagen vor und verdrängte "falsche" Gedanken. Ausserdem besuchte ich keine Schwangerenberatung o.ä. . Was sollte ein Arzt hier noch tun können ?

Das war verantwortungslos gedacht und dies sagte uns eine Hebamme am 3.März des Jahres 1990 auch klipp und klar. Eine andere beschwerte sich über die Zumutung ihr gegenüber, solch ein Kind zur Welt bringen zu müssen. Ja, an diesem Tag wurden, drei Wochen nach dem errechneten Geburtstermin, in der Klinik in Dresden die Wehen eingeleitet. Von morgens an lag ich am Wehentropf und erst am Nachmittag zog es ein bisschen im Rücken. Die Fruchtblase war gleich zu Beginn gesprengt worden. Per Hörrohr wurden hin und wieder die Herztöne abgelauscht. Friedhelm war dabei und die Stunden zogen sich zermürbend in die Länge. Langsam wurde mir alles egal, ich wollte es endlich hinter mir haben! Wie auch immer...

Kurz vor 2 Uhr am 4. März 1990 wurde unser Kind aus mir herausgedrückt und -gezerrt. "Wie kriege ich das hier raus?" rief die Hebamme. Das Köpfchen war schon ganz blau. Da lag es nun, unser Baby. Ohne Reaktion. Und wir waren nicht darauf vorbereitet!! Spontan bat ich, es in den Arm nehmen zu können. Mit einem Tuch um den Kopf wurde mir das Baby in den Arm gelegt. Ich schaute nach ob es, wie vermutet, ein Junge ist, und ich schaute mir sein Gesicht an. So schön, so vollkommen, alles, bis auf... Wir sahen, dass die Schädeldecke fehlte. Das Gehirn war nur von einer Haut überzogen. Friedhelm legte seinen Arm um uns. Irgendwann wurden wir wohl auch kurz alleingelassen. "Sollten wir mit dem mitgebrachten Fotoapparat ein Bild machen? Von Toten macht man das wohl nicht,"überlegte ich mir.

Elias wurde beiseite gelegt. Aber niemand fragte nach seinem Namen. Ich wurde versorgt und mit dem Kommentar versehen : "Hätten Sie nur gehört." Worauf ?

In den nächsten Tagen in der Klinik fühlte ich mich wie unter einer Glasglocke, irgendwie unwahr. Es kam wenig in meinem Inneren an. Die Stationsschwester suchte mich auf, weil unsere Entbindung grosse Wellen geschlagen und selbstverständlich auch Unverständnis hervorgerufen hatte. Es ergab sich ein sehr gutes und offenes Gespräch.

Eine nächste Enttäuschung ergab die Tatsache, dass es für Elias keine Geburtsurkunde gibt, nur einen namenlosen Totenschein. "Ein Kind, männlichen Geschlechts, wurde am ..."

Es kam die Anfrage, ob wir ein eigenes Grab für ihn wollten, oder ob er irgendwo mit hineingelegt werden soll; natürlich ein eigenes! In dieser Situation war es am Einfachsten, in der alten Heimat zu organisieren.

Nach der Klinikentlassung wollte ich nicht nochmal in den Sarg schauen. Meine Mutter tat es. Friedhelms Vater trug dann den kleinen weissen Sarg zum Grab, die Glocken läuteten wie bei anderen Beerdigungen, mein Vater als Pastor sprach einige Worte und wir sangen ein zuvor ausgesuchtes Lied. D.h., ich konnte nicht mitsingen.

Währendessen hielten die Mädchen ihren Mittagsschlaf, weswegen sie uns später Vorwürfe machten.

Zu Hause der Alltag, voller Leere und Verdrängungen. Schweigen im Dorf. Jeder hatte meinen runden Bauch gesehen, keiner fragte nach. Als Ehepaar redeten wir kaum miteinander. Friedhelm versuchte, alles fix hinter sich zu lassen, ich befand mich in einem grossen, schwarzen Loch. Es kamen anteilnehmende, liebevolle Grüsse und Briefe bei uns an, aber auch beschwichtigende und mich verletzende.

Schmerzmomente: Im Sommer bei Freunden ein Baby zu treffen, das am gleichen Tag wie Elias geboren ist... Von einem auch um diese Zeit geborenen Elias zu hören, der trotz Behinderungsdiagnose nach Gebet gesund geboren ist...

Nach und nach erkenne ich: Ich darf trauern um mein verlorenes Kind! Es ist gut, dass wir Elias die Zeit in meinem Bauch gegeben haben und wir ihn in den Armen haben konnten. Aber ich brauch’ und muss nicht meine Gefühle und Empfindungen verdrängen. Diese Erkenntnis war ein jahrelanger Prozess. Gute Bücher halfen uns, Gespräche mit anderen verwaisten Eltern. Inzwischen können wir als Ehepaar intensiv über unser so unterschiedliches Empfinden in Bezug auf unser Leben und Erleben mit Elias sprechen. Dies brachte uns einander sehr nahe.

Als ich die Berichte anderer Eltern über ihre anenzephalen Babys las, weinte ich viel. Es löste grossen Schmerz aus und löschte Schmerz. Eigenartig, nicht wahr ?

Übrigens tragen wir bei einer Informationsveranstaltung vor Jordanas Geburt in der Klinik die Hebamme, die Elias entbunden hat. (Bei Gideon waren wir woanders). Sie meinte zu uns, sie hätte damals viel gelernt...!

Elias gehört zu unserer Familie. Wir haben fünf Kinder, auch wenn wir mit dieser Aussage manchmal nicht verstanden werden. Die beiden jüngeren Kinder sind auch kein "Ersatz" für ihn, wie es mir schon eingeredet werden sollte.

Vielleicht hat uns diese Situation sensibler gemacht, für Menschen, die ebenfalls mit "Grenzerfahrungen" des Lebens konfrontiert werden. Das Geheimnis, was Glauben und Vertrauen auf Gott beinhalten, versuchen wir immer wieder zu entdecken.


Geschrieben im Dezember 2000


Bärwaldstrasse 5
D-02692 Schlungwitz

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 13.04.2016