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Jonathan und Jordan

14.7.1998 - 16.7.1998

Am 3. Januar 1998 fand ich heraus dass ich Zwillinge erwartete. Diese zwei kleinen Säckchen auf dem Ultraschallbildschirm zu sehen war der glücklichste Moment meines Lebens. Ich war aber auch ängstlich, da ich in meinen vergangenen Schwangerschaften verfrühte Wehen und eine Muttermundschwäche hatte. Ich hatte zwei Fehlgeburten. Meine Tochter wurde in der 23. Schwangerschaftswoche geboren und lebte nur zwei Stunden. Mein Sohn kam nach einer sehr schwierigen Schwangerschaft mit drei Monaten Krankenhausaufenthalt in der 36. Schwangerschaftswoche gesund zur Welt.

Alles lief ruhig in diesen ersten Monaten. In der 12. Woche unterlief ich einer kleinen Eingriff wegen der Muttermundschwäche. Ich wusste, dass ich später unter Bettruhe stehen würde, deshalb begannen mein Mann und ich bereits die Ankunft der Zwillinge zu planen. Wir kauften ein grösseres Auto und zwei Kindersitze. Wir waren soo aufgeregt, Eltern von Zwillingen zu werden. Ein Traum wurde wahr für mich.

Beim Routineultraschall in der 16. Woche fiel meine heile Welt zusammen. Die Krankenschwester, die den Untersuch machte, meinte es gäbe ein Problem, sie müsste an ein anderes Gerät gehen. Ich wusste in meinem Herzen, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich lag auf den Untersuchungstisch für den Feinultraschall und der Raum begann sich mit Leuten zu füllen. Ein Perinatologe kam und stellte sich vor. Dann sagte er: "Zwilling A hat Anenzephalie... dies ist mit dem Leben unvereinbar."

Ich brauchte einige Sekunden um zu realisieren, was er da sagte. Die Welt schien stehen zu bleiben. Ich kämpfte vergeblich mit den Tränen... doch sie rollten bald über mein Gesicht. Meine Kehle schnürte sich zu und ich fühlte mich als ob ich einen Herzanfall bekäme. Jemand brachte meinen Sohn aus dem Raum. Der Arzt zeigte mir das Baby auf dem Bildschirm. Er erklärte mir, was Anenzephalie sei. Leute kamen und gingen. Ich konnte die neuen Informationen nicht mehr aufnehmen.

Mein Baby würde sterben. Nichts anderes war mehr wichtig.

Ich erinnere mich an das Gefühl, dass alles nur ein schlechter Traum sei. Ich hatte bereits ein Baby verloren. Gott würde sicher nicht erlauben, dass mir dies noch einmal zustiess. Ich war verwirrt und verliess das Krankenhaus alleine. Ich erinnere mich wie ich meinen dreijährigen Sohn anschnallte als er mir sagte: "Nicht traurig sein, Mami." Ich fuhr mit höchster Geschwindigkeit nach Hause, es ist ein Wunder, dass wir es heil nach Hause geschafft haben. Mein Traum, Mutter von Zwillingen zu werden war am Boden zerstört. Ich konnte nicht glauben, dass ich ein weiteres Baby begraben würde.

Später an diesem Tag ging ich mit meinem Mann zurück ins Krankenhaus. Der Arzt klärte uns über unsere Möglichkeiten auf. Er erwähnte, dass Babies mit Anenzephalie oft einen Hydramnion (zu grosse Produktion von Fruchtwasser) entwickeln, was die Schwangerschaft zusätzlich komplizieren würde. Er erwähnte auch, dass eine Reduktion (gezieltes Abtöten des kranken Babys) risikoreich sei. Ich fühlte mich so hilflos. Wir lehnten die Reduktion von Zwilling A ab und entschlossen uns die Situation in Gottes Hände zu geben. Der Arzt sagte uns dass Zwilling B gesund aussehe. Wir entschlossen uns doch zur einer Fruchtwasseruntersuchung, nur um dessen sicher zu sein. Das Warten war furchtbar, doch die Ergebnisse ermutigend. Ein Baby war gesund.

Einige Wochen später wurde ich unter strikte Bettruhe gesetzt. Der Muttermund war verstrichen. Ich bekam Wehenhemmer. Nun hatte ich 24 Stunden am Tag Zeit um über die anstehende Geburt und den Tod meiner Zwillinge nachzudenken. Zwei Babies zu tragen... eines gesund... eines krank... das war sehr verwirrend für mich. Es war fast unmöglich mich auf eine Beziehung zu beiden einzulassen. Meine Trauer schien alles andere zu überschatten.

Die Zwillinge teilten die Plazenta, waren aber in separaten Fruchtblasen. Zwilling A entwickelte bald einen Hydramnion. Die Ärzte sorgten sich um den Druck auf meinen schwachen Muttermund. Bald schon mussten wir mit reduktiven Fruchtwasserpunktionen beginnen, um die Fruchtwassermenge zu verringern. Es war eine sehr unangenehme Prozedur, doch sie erleichterte mich sehr.

Ich machte mir ständig Sorgen, dass die Cerclage reissen würde. Ich hatte Angst, dass Zwilling A in utero sterben würde... und somit den Tod von Zwilling B provozieren oder seiner Gesundheit schaden würde. Ich hatte Angst, dass sie zu früh geboren werden. Ich war ein emotionelles Wrack. Als das dritte Trimester der Schwangerschaft begann, kamen die Sorgen um die Geburt.

Es ist ein Wunder, dass ich trotz meiner Muttermundschwäche und der verfrühten Wehen meine Babies so lange in mir tragen durfte. Bald fühlte ich mich so unwohl wegen meines grossen Bauches, dass ich nicht mehr schlafen oder essen konnte. In der 35. Schwangerschaftswoche machte der Arzt eine Fruchtwasserpunktion um die Lungenreife der Babies zu testen. Die Einleitung der Geburt wurde für den nächsten Tag festgelegt.

Ein Teil von mir hätte am liebsten die Zeit angehalten an diesem Moment. Mein Bauch war ein sicherer Hafen für unsere kleinen Zwillinge gewesen. Die Entbindung bedeutete den Tod für einen und das Leben für den anderen.

Am 14. Juli 1998 um 20 Uhr 45 wurde Jordan Michael geboren. Mein gesundes Baby kam zur Überwachung auf die Neugeborenenstation. Der andere Zwilling war in Steisslage und wir hatten Schwierigkeiten ihn herauszubringen. Es war fast als ob er wissen würde, dass das Leben ausserhalb meines Bauches für ihn den Tod bedeutete. Um 21 Uhr 09 wurde Jonathan David schliesslich geboren. In dem Moment, wo der Arzt in mir auf den Bauch legte, verliebte ich mich in ihn. Er war ein wunderschöner kleiner Junge und seine Fehlbildung fiel mir gar nicht auf. In diesem Moment fühlte ich mich so gesegnet, dass ich diese zwei Jungen ausgetragen hatte. Ich war eine Mutter von Zwillingen.

Jonathan David starb zwei Tage später in meinen Armen.

Mein Kampf endete nicht mit der Schwangerschaft. Ich habe immer noch schwierige Tage wenn ich von der Trauer übermannt werde. Ich habe nicht nur meinen Sohn verloren, ich fühle auch, dass mir die Freude über mein überlebendes Kind gestohlen wurde. Es ist sehr schwierig eine enge Beziehung mit einem Baby einzugehen, während man das andere loslassen muss. Einen Zwilling zu verlieren wirft sehr komplizierte Fragen auf. Ich schaue immer noch auf meinen Überlebenden und denke... hier sollten zwei sein. Ich schaffe es nicht, ihn vor einen Spiegel zu stellen. Die Wunde ist immer noch offen. Vielleicht eines Tages...

Ich habe neue Dinge über mich selbst gelernt im vergangnen Jahr. Mein kleiner Jonathan gab mir so viel in seiner kurzen Zeit hier. Er lehrte mich über den Wert eines menschlichen Lebens. Er zeigte mir Kraft und Mut die ich nicht in mir ahnte. Durch meinen Kampf gewann ich neue Freunde. Freunde die mir viel wert sind. Ich habe gelernt Gott zu vertrauen, egal was kommt. Ich weiss, dass mein Jonathan im Himmel auf mich wartet. Ich kann es kaum erwarten, ihn wieder in meine Arme zu nehmen.

Julie Barker

 

Aus dem Englischen übersetzt mit Erlaubnis der Anencephaly Support Foundation

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 15.04.2016