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Stefanie

 

Vor 56 Jahren kam meine Tochter Stefanie mit Anencephalie zur Welt. Ihr Grosshirn fehlte und sie hat 50 Minuten gelebt. Niemals werde ich erfahren wie mein Baby diese 50 Minuten erlebt hat. Ich hätte es so gerne im Arm gehalten bis es für immer eingeschlafen ist.

Weil es 1970 noch keine Ultraschalluntersuchung gab habe ich meine Schwangerschaft unbeschwert erlebt. Vier Stunden vor der Entbindung wurde geröngt wegen des Verdachts auf eine Steisslage. Da meine Tochter mein erstes Kind war hielt ich alle Vorgänge für normal, auch dass meine Hebamme meine Vorfreude nicht teilte.

Es war eine sehr anstrengende Geburt und am Ende der letzten Presswehe wurde ich mit hochdosiertem Lachgas kurz narkotisiert. Als ich aufwachte befand ich mich allein im Kreisssaal.

Nach etwa 15 Minuten kam die Hebamme und teilte mir mit, dass ich ein Mädchen zur Welt gebracht habe. Ich wollte sie sehen aber mir wurde gesagt jetzt müsse erst die Nachgeburt geholt werden. Danach war ich wieder allein und mir war unheimlich zumute. Um 12Uhr10 hatte ich Stefanie zur Welt gebracht und um 13 Uhr kamen Hebamme und Gynäkologe mit betroffenen Gesichtern zu mir.

Der Arzt "erklärte" mir, dass mein Kind nur einen halben Kopf habe, deshalb nicht lebensfähig wäre und nun verstorben sei. Ich wollte aufstehen und zu meinem Kind. Doch der Arzt drückte mich fest aufs Bett und eine Krankenschwester gab mir eine Valiuminjektion.

Der Arzt "tröstete" mich mit den Worten: Ein hübsche junge Frau wie Sie kann noch viele gesunde Kinder bekommen. Nächstes Jahr liegen sie wieder hier.

Mein Kind wurde mir vorenthalten weil ich mir laut Hebamme so einen schrecklichen Anblick ersparen sollte.

Ich war 19 Jahre jung und durch die Injektion willenlos.

Meinem Mann wurde dann Bescheid gegeben und er "durfte" unser Kind sehen.

Psychologische Betreuung gab es nicht und den Grosseltern war neben der Trauer wichtig, dass niemand von dieser Missbildung erfahren durfte. "Sowas" hatte es in beiden Familien nie gegeben.

Obwohl ich zwei gesunde Söhne bekommen habe, die inzwischen tolle Männer sind, macht sich mein Trauma noch ab und zu durch Schwindelattacken und Herzvorhofflimmern bemerkbar. Meine drei Kinder sind morgens mein erster Gedanke und ich spüre grosse Dankbarkeit. Es macht mich traurig, dass ich kein Foto, keine Abdrücke von Händchen oder Füsschen habe. Aber meine Tochter wird für immer in meinem Herzen bleiben und ich werde die neun Monate in denen sie unter meinem Herzen lebte niemals vergessen.

Nach vielen Jahren habe ich mich humangenetisch beraten lassen und habe endlich erfahren was Anenzephalie bedeutet und dass Stefanie nicht das einzige Baby in Deutschland mit dieser Fehlbildung war. Seitdem fühle ich mich nicht mehr so allein und Ihnen bin ich dankbar für Ihren Einsatz.

Gisela

 

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 19.06.2026